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Kristina Fiand Edekafrauen oder: Mutter Gepetto
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26.05.2010, 13:39 Uhr, Skulpturen
KRISTINA FIAND - Edekafrauen oder: Mutter Gepetto
Es gibt Dinge, die liebt man einfach. Man schaut sie an, und sie treffen voll ins Herz. Dieses Phänomen gibt es auch in der Kunst - bei mir gibt es so etwas, geschehen beim ersten Kontakt mit den Edekafrauen von Kristina Fiand, viele Jahre her.
Damals waren sie noch nicht so ausgefeilt, detailliert, eher archetypisch. Die Augen wie zwei Knöpflein, die Gesichtsflächen recht glatt und undifferenziert, aber bereits so, dass man sie sofort ins Herz - die Kraft der zwei Herzen - schließen musste. Dazu diese tolle Geschichte: Das Dorf im Knüll, in dem die Künstlerin Kristina Fiand lebt, hatte, als sie mit der Bildhauerei begann, noch einen blaugelben Edeka. Wie schön (... und inzwischen gar nicht mehr selbstverständlich). Er ist Austauschort dörflicher Kommunikation, Ziel der Kinder für ein sommerliches Eis, aber auch "erste Hilfe“ - Anlaufplatz, wenn das Backpulver für den Kuchen aus ist, die örtliche Zeitung zudem, denn man erfährt, wer nächtens gestorben ist, entbunden hat. Auch von den Eheproblemen der Familie Meyer weiß man zu berichten.
Die Frauen mit ihren unterschiedlichen Outfits, Frisuren und Gesichtsausdrücken haben die Künstlerin Kristina Fiand zutiefst gereizt, genauer hinzusehen. Kein Voyeurismus, vielmehr die Symbiose aus Lust am Unterschied und der Gemeinsamkeit ließ das Projekt "100 Edekafrauen“ entstehen. Mit klassischen Bildhauerwerkzeugen bearbeitet Kristina Fiand das Lindenholz, schließt natürliche "Hindernisse“ wie Äste und Risse mit ein und gibt jeder einzelnen Figur ein unverwechselbares Kolorit. Jede ein Unikat, mit eigenem Charakter. Die Zahl Hundert war schnell erreicht, aber der dörfliche Fundus, der an eine Theaterbühne erinnern mag, noch lange nicht erschöpft.
Und darin liegt wohl der große Erfolg der Damen, die nun die Marke der 500 überschritten haben. In der Begrenzung auf einen Lindenblock, zwei Beine, die diesem Sockel fußlos erwachsen, zelebriert Fiand nicht endlos einen Stereotyp, wandelt vielmehr mit grenzenloser Phantasie, mit glucksender Freude an Formen, Farben, Details und Accessoires an fünfzig Höhenzentimetern Holz ein Thema immer wieder mit größter bildhauerischer Lust so ab, dass es nie spröde, nie langweilig wird. Dabei glänzt sie mit großartigen Kenntnissen in Anatomie und Griffen in die kunsthistorische Kiste mit Momenten wie Stand- und Spielbein, ferner mit Zitaten in die reiche Welt der Werbung, des Productplacements, der Symbole, Piktogramme oder der Vielfalt von Werbelogos. Das Salz in der künstlerischen Finessesuppe Fiands - und dafür liebe ich diese hölzernen Unlebewesen besonders - ist die Ausgereiftheit der Gesichter. Mimik schlägt Gestik, die zwar auch besticht, bei weitem, und es ist die blanke Freude, so einer Gruppe "Edekas“ ins Antlitz (und anders kann man das zwischenzeitlich gar nicht nennen) zu sehen. Mit wenigen, dann wieder vielen Schnitten in die weiche Linde haucht Fiand ihren Damen Authentizität ein, so, als sollten sie - pinocchiogleich - zum Leben erwachen und losstapfen, wären sie nicht mit diesem vermaledeiten Holzblock verwachsen. Die Protagonistinnen des dörflichen Einkaufseldorados schmollen, lächeln, verführen, platzen vor Wut, sind in sich gekehrt, kaufsüchtig, realistisch, sehr realistisch, lebensfroh hier und -müde dort, sie sind voller Energie und erschöpft am Ende der Gruppe. Nix, was es nicht gäbe. Fast stadtgleich. Und das alles durch die Macht Fiands, unterschiedlich zu schöpfen - in diesem Fall mit dem Schnitzmesser Leben zu verteilen, ebenso unterschiedlich, wie wir als Menschen sind. Ein Schema, das nie schematisch ist, das die Künstlerin so liebevoll abarbeitet, dass es nie Schwere transportiert, sondern die Leichtigkeit und Freude, die die Künstlerin vom ersten Blick auf den Laden bis zur letzten Schnitzbewegung und der "Schlussfirnis" beim Schminken der kleinen Kostbarkeit hinüberrettet.
Die Entwicklung von den ersten Knopfaugendamen mit winzigen Mündchen, (von denen ich, neben den vielen anderen, auch noch zwei in meiner Sammlung halte: Auch Galeristen sind nur Menschen, die der Versuchung nicht widerstehen können) zu den aktuellen Skulpturen zeigt die Könnerschaft, die Professionalität, mit der die Künstlerin ihre Beobachtungen im Werkstoff Holz festzuhalten vermag. Nicht nur die Kurse, die sie selber hält, sondern auch die, die sie nimmt, geben ihr die Sicherheit, Portraitaufträge anzunehmen, wohl wissend, dass der abgegebene Auftrag mit großer Zufriedenheit vom Portraitierten angenommen wird.
Bei all den hunderten "Edekas“ sind es - neben den abweichenden Figuren wie dem Kind, das die Tüte behütet, dem Berner Sennenhund, der Dame im Rollstuhl oder der Älteren in Schwälmer Tracht (ganz im Stilbruch mit der Adidastüte) - gerade die "normalen" Frauen, die in ihrer Schlichtheit, die aber dennoch so individuell ist, unser Herz zu öffnen vermögen. Denn sie schaffen auch Platz für Assoziationen: "Schau mal, die sieht aus wie Tante Erna" oder "Die guckt wie Oma"! Lachen und Freude darf Kunst zuweilen auch schenken. Hier gibt es immer etwas Neues zu entdecken, zu staunen. So ist das Projekt "100 Edekafrauen“, das jetzt nur noch "Edekafrauen“ heißt, zu einem großen Erfolg geworden: Alle bisher gezeigten, so liebenswerten Skulpturen haben ein neues Zuhause, fernab vom Edeka und Atelier, gefunden. Die, die Sie hier sehen, sind nur kurz zu haben, dann sind sie verschwunden. Verstehen kann man's!
Michael Marius Marks
Es gibt Dinge, die liebt man einfach. Man schaut sie an, und sie treffen voll ins Herz. Dieses Phänomen gibt es auch in der Kunst - bei mir gibt es so etwas, geschehen beim ersten Kontakt mit den Edekafrauen von Kristina Fiand, viele Jahre her.
Damals waren sie noch nicht so ausgefeilt, detailliert, eher archetypisch. Die Augen wie zwei Knöpflein, die Gesichtsflächen recht glatt und undifferenziert, aber bereits so, dass man sie sofort ins Herz - die Kraft der zwei Herzen - schließen musste. Dazu diese tolle Geschichte: Das Dorf im Knüll, in dem die Künstlerin Kristina Fiand lebt, hatte, als sie mit der Bildhauerei begann, noch einen blaugelben Edeka. Wie schön (... und inzwischen gar nicht mehr selbstverständlich). Er ist Austauschort dörflicher Kommunikation, Ziel der Kinder für ein sommerliches Eis, aber auch "erste Hilfe“ - Anlaufplatz, wenn das Backpulver für den Kuchen aus ist, die örtliche Zeitung zudem, denn man erfährt, wer nächtens gestorben ist, entbunden hat. Auch von den Eheproblemen der Familie Meyer weiß man zu berichten.
Die Frauen mit ihren unterschiedlichen Outfits, Frisuren und Gesichtsausdrücken haben die Künstlerin Kristina Fiand zutiefst gereizt, genauer hinzusehen. Kein Voyeurismus, vielmehr die Symbiose aus Lust am Unterschied und der Gemeinsamkeit ließ das Projekt "100 Edekafrauen“ entstehen. Mit klassischen Bildhauerwerkzeugen bearbeitet Kristina Fiand das Lindenholz, schließt natürliche "Hindernisse“ wie Äste und Risse mit ein und gibt jeder einzelnen Figur ein unverwechselbares Kolorit. Jede ein Unikat, mit eigenem Charakter. Die Zahl Hundert war schnell erreicht, aber der dörfliche Fundus, der an eine Theaterbühne erinnern mag, noch lange nicht erschöpft.
Und darin liegt wohl der große Erfolg der Damen, die nun die Marke der 500 überschritten haben. In der Begrenzung auf einen Lindenblock, zwei Beine, die diesem Sockel fußlos erwachsen, zelebriert Fiand nicht endlos einen Stereotyp, wandelt vielmehr mit grenzenloser Phantasie, mit glucksender Freude an Formen, Farben, Details und Accessoires an fünfzig Höhenzentimetern Holz ein Thema immer wieder mit größter bildhauerischer Lust so ab, dass es nie spröde, nie langweilig wird. Dabei glänzt sie mit großartigen Kenntnissen in Anatomie und Griffen in die kunsthistorische Kiste mit Momenten wie Stand- und Spielbein, ferner mit Zitaten in die reiche Welt der Werbung, des Productplacements, der Symbole, Piktogramme oder der Vielfalt von Werbelogos. Das Salz in der künstlerischen Finessesuppe Fiands - und dafür liebe ich diese hölzernen Unlebewesen besonders - ist die Ausgereiftheit der Gesichter. Mimik schlägt Gestik, die zwar auch besticht, bei weitem, und es ist die blanke Freude, so einer Gruppe "Edekas“ ins Antlitz (und anders kann man das zwischenzeitlich gar nicht nennen) zu sehen. Mit wenigen, dann wieder vielen Schnitten in die weiche Linde haucht Fiand ihren Damen Authentizität ein, so, als sollten sie - pinocchiogleich - zum Leben erwachen und losstapfen, wären sie nicht mit diesem vermaledeiten Holzblock verwachsen. Die Protagonistinnen des dörflichen Einkaufseldorados schmollen, lächeln, verführen, platzen vor Wut, sind in sich gekehrt, kaufsüchtig, realistisch, sehr realistisch, lebensfroh hier und -müde dort, sie sind voller Energie und erschöpft am Ende der Gruppe. Nix, was es nicht gäbe. Fast stadtgleich. Und das alles durch die Macht Fiands, unterschiedlich zu schöpfen - in diesem Fall mit dem Schnitzmesser Leben zu verteilen, ebenso unterschiedlich, wie wir als Menschen sind. Ein Schema, das nie schematisch ist, das die Künstlerin so liebevoll abarbeitet, dass es nie Schwere transportiert, sondern die Leichtigkeit und Freude, die die Künstlerin vom ersten Blick auf den Laden bis zur letzten Schnitzbewegung und der "Schlussfirnis" beim Schminken der kleinen Kostbarkeit hinüberrettet.
Die Entwicklung von den ersten Knopfaugendamen mit winzigen Mündchen, (von denen ich, neben den vielen anderen, auch noch zwei in meiner Sammlung halte: Auch Galeristen sind nur Menschen, die der Versuchung nicht widerstehen können) zu den aktuellen Skulpturen zeigt die Könnerschaft, die Professionalität, mit der die Künstlerin ihre Beobachtungen im Werkstoff Holz festzuhalten vermag. Nicht nur die Kurse, die sie selber hält, sondern auch die, die sie nimmt, geben ihr die Sicherheit, Portraitaufträge anzunehmen, wohl wissend, dass der abgegebene Auftrag mit großer Zufriedenheit vom Portraitierten angenommen wird.
Bei all den hunderten "Edekas“ sind es - neben den abweichenden Figuren wie dem Kind, das die Tüte behütet, dem Berner Sennenhund, der Dame im Rollstuhl oder der Älteren in Schwälmer Tracht (ganz im Stilbruch mit der Adidastüte) - gerade die "normalen" Frauen, die in ihrer Schlichtheit, die aber dennoch so individuell ist, unser Herz zu öffnen vermögen. Denn sie schaffen auch Platz für Assoziationen: "Schau mal, die sieht aus wie Tante Erna" oder "Die guckt wie Oma"! Lachen und Freude darf Kunst zuweilen auch schenken. Hier gibt es immer etwas Neues zu entdecken, zu staunen. So ist das Projekt "100 Edekafrauen“, das jetzt nur noch "Edekafrauen“ heißt, zu einem großen Erfolg geworden: Alle bisher gezeigten, so liebenswerten Skulpturen haben ein neues Zuhause, fernab vom Edeka und Atelier, gefunden. Die, die Sie hier sehen, sind nur kurz zu haben, dann sind sie verschwunden. Verstehen kann man's!
Michael Marius Marks
Autor / Kontakt:
Herr Michael Marius Marks
Wetzlar
URL: http://www.galerie-am-dom.de
Herr Michael Marius Marks
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